Wahlsplitter

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#WAHLSPLITTER

In unserem Blog erzählen wir bis zum 24. September kleine Wahlkampf-Geschichten aus ungewöhnlichen Perspektiven.

Hier erfahren Sie zum Beispiel, warum die Briten sich eine starke FDP wünschen und wie viel den Deutschen ihre Stimme wert ist.

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  • 9/20/2017 2:09:26 PM   Miriam Benhadid

    Schultüte gegen Sommerkleid

     
    Kinderfotos ziehen immer. Das hat auch die SPD gemerkt. Sie setzt nicht nur bei ihren traditionellen Themen Familien und Bildung auf Fotos von lachenden, blödelnden oder spielenden Kindern. Auch bei der Inszenierung des Spitzenkandidaten Martin Schulz wurde wieder auf ein Kinderbild gezählt.
     
    Auf seinem Facebook-Profil teilte er Anfang September ein Motiv, das den kleinen Schulz mit Schultüte zeigt, in schwarz-weiß und mit dem Slogan: „Ich habe kein Abitur, ich habe eine Ausbildung gemacht. Und das war auch gut so.“ Berufliche und akademische Ausbildung sollten gleichgestellt werden, heißt es weiter. Die Anzeige auf Facebook kam gut an. Es wurde in zehn Tagen fast 20.000 Mal gelikt, knapp 2000 Mal geteilt und über 2000 Mal kommentiert.
     
    Martin Schulz als Kind: Neuinszenierung im Wahlkampf. Bild:SPD
     
     
     
    Dieser Foto-Erfolg inspirierte wohl auch die CDU. Sie kramte in der Fotokiste ihrer Spitzenkandidatin nach einem Schwarz-Weiß-Bild und machte daraus ebenfalls ein Wahlwerbe-Motiv. Knapp zehn Tage nach Schulz‘ Schultüten-Foto postete es die Partei auf Twitter: „Ob Lehrer, Ingenieurin, Altenpfleger oder Feuerwahlfrau - in Deutschland stehen Kindern alle Möglichkeiten offen.“
     
    https://twitter.com/CDU/status/90976732708387635Die Aufnahme ist auf das Jahr 1957 datiert, Angela Merkel war damals gerade mal drei Jahre alt. Sie steht in einem Sommerkleidchen vor einem Baum und lächelt verschmitzt an der Kamera vorbei. Ein emotionales Motiv einer als emotionslos geltenden Kanzlerin, inspiriert von Martin Schulz!?
     
    „Für ein Deutschland, in dem jeder alles werden kann“, steht auf der Anzeige der CDU. Auch eine Frau aus dem Osten kann also Bundeskanzlerin werden, soll der Betrachter wohl denken. Doch wenn Angela Merkel es mit der Chancengleichheit wirklich ernst meint, sollte sie ihr Kreuzchen vielleicht lieber bei der SPD machen. Im Wahlprogramm der Sozialdemokraten kommt das Wort Chancengleichheit immerhin sieben Mal vor. In dem der Union sucht man es vergeblich. (Miriam Benhadid)
  • 9/19/2017 11:47:10 AM   #Wahlsplitter
    Die Franzosen und das „Mysterium Merkel“
     
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    Angela Merkel begrüßt Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beim G-20-Gipfel in Hamburg.
     
    Der Bundestagswahlkampf bleibt für die meisten Franzosen rätselhaft. Ein bisschen sei es so wie beim Fußball, sagte kürzlich ein französischer Journalist, am Ende gewinnt Deutschland – pardon, Angela Merkel. Das Geheimnis der Bundeskanzlerin versuchen gerade ziemlich viele im Nachbarland  zu ergründen. Es gibt unzählige Kolloquien in Paris mit Titeln wie „Das Mysterium Merkel“ oder „Die unbekannte Angela Merkel“. Die beste Kanzlerinnen-Biographie aus der Feder der Journalistin Marion Van Renterghem trägt die Überschrift „Angela Merkel, ein politisches Ufo“
     
    In Paris wird erwartet, dass auch in den kommenden vier Jahren Angela Merkel im Kanzleramt wacht. Dabei schwankt Frankreich zwischen Bewunderung und Zweifel an der im Vergleich behäbigen Demokratie jenseits des Rheins, die ohne größere politische Überraschungen auskommt. Die vor kurzem veröffentliche Collage der gesammelten Urlaubsfotos der Kanzlerin in rot-weiß-kariertem Hemd, Dreiviertelhose und Wanderschuhen ist wie ein Erkenntnisblitz in Paris eingeschlagen.
     
    Die Deutschen sähen in dem in fünf Urlaubssommern nicht veränderten Look ihrer Kanzlerin einen Beweis für Zuverlässigkeit, ja es beruhige sie, dass Frau Merkel  in ihrer freien Zeit nicht mit modischen Neuerungen aufwarte, schrieben erklärend die Zeitungen. Nur wer das verstehe, könne auch die deutsche Stabilitätskultur begreifen. In Paris macht unterdessen noch immer ein Witz über die Mutter der 35-Stunden-Woche die Runde. „Was macht Martine Aubry mit ihren alten Kleidern?“ – Antwort: „Sie trägt sie.“
     
    Der Bundestagswahlkampf ist aber auch Gelegenheit für die französische Presse, nach Gegenspielern für Emmanuel Macron Ausschau zu halten. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner, der kürzlich noch als „deutscher Macron“ gefeiert wurde, ist aufgrund seiner jüngsten kritischen Äußerungen zu den europäischen Plänen Macrons zum Angstgegner aufgestiegen. Zeitungen spekulieren sorgenvoll darüber, dass der Präsident scheitern werde, sollte Frau Merkel ein Bündnis mit den Liberalen eingehen. Der Präsident hingegen hat sich nicht zu den Bundestagswahlen geäußert. Nach seinem Besuch im Elysée-Palast im Juli bejahte Martin Schulz die Frage, ob Macron ihn unterstütze. Schnell fügte Schulz hinzu: „Aber der Kanzlerin hat er das auch gesagt.“ (Michaela Wiegel)
  • 9/19/2017 11:01:35 AM   #Wahlsplitter
    „Wahlplakate from Hell“
     
    Wahlkampf ist ein erbarmungsloses Ringen um Aufmerksamkeit. Die wollen Parteien und Kandidaten auch mit ihren Plakaten wecken. Dem Betrachter drängt sich da zuweilen die Frage auf: Aufmerksamkeit schön und gut, aber zu welchem Preis?
     
    Diese Frage hat sich offenbar auch der Politikberater und Blogger Martin Fuchs gestellt. Auf seiner Internetseite hamburger-wahlbeobachter.de sammelt er unter dem Titel „Wahlplakate from Hell“ die kuriosesten Exemplare zu Landtags-, Europa- und Bundestagswahlen. Seine „Edition Bundestagswahl 2017“ hat er schon Ende Juli präsentiert, doch auf Twitter sammelt er fleißig weiter.
     
    Wir präsentieren seine neuesten Fundstücke –  und eine Auswahl seiner „Edition “ zur Bundestagswahl:
     
    .
     
    Für den ersten Kevin im Bundestag:
    https://twitter.com/felixsschulz/status/8910294017349181
     
    Die Jusos haben das Trendmotiv Einhorn entdeck
     
    Die Linke wirbt für die vier Ws:
     
    Die CDU kopiert Obama:
     
    Und hier noch ein paar Motive aus Fuchs' Bundestagswahledition 2017 – bei der auch andere Twitter-Nutzer mitgeholfen haben :
     
    Die CDU wirbt mit einem Suchbild mit Äpfeln:
     
    Die friesische SPD mit einem Wortspiel: America First? Ilgen Förster!
     
    Nächster Versuch Jugendsprache:
     
    Ob die Linke mit Spidermans Hilfe Wähler ansprechen kann? Wahlplakat eines Kandidaten aus Oberhausen.
     
    (Miriam Benhadid)
  • 9/18/2017 1:58:32 PM   #Wahlsplitter
    Mit Kind und Kegel – Im Wahlkampf wird Privates politisch
     
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    Genug Streusel für Joachim Sauer? Die Aachener Streuselbrötchen sind legendär. (Foto: Lorenz Hemicker)
     
    Wenn die Deutschen am 24. September einen neuen Bundestag wählen, dann geht es dabei nicht nur um Programme und Positionen. Die Bundestagswahl ist auch eine Personenwahl – und zur Person gehört auch die jeweilige Familie. In amerikanischen Wahlkämpfen ist das schon lange selbstverständlich. In Deutschland dauerte es bis zum TV-Duell 2005 zwischen Gerhard Schröder (SPD) und Angela Merkel (CDU), in dem Schröder seiner damaligen Ehefrau eine Liebeserklärung machte und damit bei den Wählern viele Sympathien gewann.
     
    Auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz thematisiert in Interviews immer wieder – häufig auch ungefragt – sein Privatleben. Im TV-Duell sprach er über seine türkischstämmigen Nachbarn und deren Moscheegemeinde – alles „total korrekte Leute“. Im Youtube-Interview erwähnte er auffallend häufig seine „Gattin“, die Tierschützerin sei und berichtete von einem engen Mitarbeiter, der kein Fleisch isst. Gegenüber der türkischstämmigen Youtuberin Nihan ließ er sich sogar zu der Aussage verleiten: „Ganz viele aus Ihrer Community gehören zu meinen engsten Freunden.“ Gibt es in Deutschland tatsächlich 14 Jahre alte Mädchen, die sich erst auf Nihans Youtubekanal Schminktipps holen und anschließend zu ihrem guten Kumpel Martin nach Würselen fahren, um mit ihm ein bisschen zu chillen?
     
    Den Höhepunkt der Schulzschen Dauerhomestory bildete ein Interview im „Zeit-Magazin“ in der vergangenen Woche. Darin lernte der Leser nicht nur, dass der SPD-Politiker gerne Brötchen mit mittelaltem Holländer-Käse frühstückt sondern auch, wer zu Schulz’ „engstem Freundeskreis“ noch so alles dazugehört. Das seien nämlich „ganz viele einfache Leute“: „Arbeiter der Friedhofskolonne, der Müllabfuhr, Postzusteller, Stahlarbeiter, Bergleute, die bei der Braunkohle und bei den Kraftwerken arbeiten.“ Echte Aachener Printen-Romantik eben.
     
    Und die Kanzlerin? Das Privatleben von Angela Merkel ist in etwa so Mythen-umrankt, wie das Kennedy-Attentat oder die Mondlandung. Hat diese Frau überhaupt einen Freundeskreis, Freizeit und Nachbarn? Regelmäßig vor Bundestagswahlen stellt sich Merkel den Fragen der deutschen Boulevard-Journalisten – der Erkenntnisgewinn ist dabei meist gering.
     
    In diesem Jahr berichtet die Kanzlerin auch in einer Wahlbroschüre ihrer Partei über ihre Ehe mit dem Physikprofessor Joachim Sauer. Der beschwere sich selten über sie, „nur auf dem Kuchen sind ihm immer zu wenig Streusel“. Das wäre ihm bei Martin Schulz nicht passiert. Die Streuselbrötchen in Aachen sind legendär. (Markus Kollberg)
  • 9/17/2017 3:52:07 PM   Anna-Lena Ripperger
    „Leider konnten wir nicht über die Bundestagswahl berichten, weil ...“
     
    Der Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude in Berlin (Foto: dpa)
     
    Die Geschichte ist absurd und gerade deshalb typisch Berlin: Eine Woche vor der Bundestagswahl haben zahlreiche Fernsehsender noch keine Standortzusagen für die Berichterstattung. Für die ist eigentlich das Bezirksamt Mitte zuständig. Dessen Straßen- und Grünflächenamt verwaltet die Flächen um das Bundestagsgebäude, die vor allem bei ausländischen Sendern beliebt sind. Denn sie berichten am Wahltag nicht aus den Parteizentralen über Gewinner und Verlierer, sondern wollen als Kulisse das Reichstagsgebäude.
     
    Ob sie die am Wahltag bekommen werden, ist aber noch unklar. „Es ist völlig absurd“, beschreibt Ernst Hebeker, Sprecher des Deutschen Bundestages, die Situation. Seit April hat die Bundestagsverwaltung immer wieder Anfragen von Fernsehsendern und Produktionsfirmen bekommen, vor allem aus dem Ausland. „Wir haben dann an das Bezirksamt Mitte verwiesen und uns darauf verlassen, dass das wie immer klappt“, sagt Hebeker. Denn der Bundestag hat keine Flächen; die Zuständigkeit der Bundestagsverwaltung endet an den Außenmauern des Reichstagsgebäudes.
     
    Doch statt Standortzusagen zu vergeben, hat das Bezirksamt Mitte die Sender wieder an den Bundestag verwiesen. „Aufgefallen ist uns das erst, als sich der SWR bei uns gemeldet hat“, sagt Hebeker. Der Sender wollte Produktionsfahrzeuge in der Stauffenbergstraße in der Nähe der baden-württembergischen Landesverwaltung parken – und wurde vom Bezirksamt Mitte wegen der entsprechenden Genehmigung an die Bundestagsverwaltung verwiesen. „‚Seid ihr jetzt auch für Flächen am Tiergarten zuständig?’, hat uns der SWR verwirrt gefragt. Da haben wir gemerkt: Hier läuft etwas wirklich schief“, sagt der Bundestagssprecher.
     
    Um das Problem zu lösen, nahm Hebeker Kontakt zum Bezirksamt Mitte auf. Doch seine E-Mails blieben unbeantwortet. In der Zwischenzeit hätten sich auch beim Bundespresseamt die Beschwerden über ausstehende Standortzusagen gehäuft. Die zuständige Bezirksstadträtin Sabine Weißler von den Grünen habe ihm versichert, ihr Amt arbeite an einer Lösung, berichtet der Bundestagssprecher. Sie habe aber gleichzeitig auf die Schwierigkeiten verwiesen, mit denen sich das Straßen- und Grünflächenamt am 24. September konfrontiert sieht.
     
    An diesem Tag wird nämlich nicht nur der neunzehnte deutsche Bundestag gewählt; über 40.000 Teilnehmer laufen durch die Hauptstadt Marathon. Wegen der Logistik dieser Großveranstaltung sind die Freiflächen knapp. „Diese Koinzidenz ist natürlich problematisch. Die Sicherheitsvorkehrungen für den Marathon bereiten vielen Kopfzerbrechen“, sagt Hebeker. „Aber das Problem mit den Standortzusagen muss gelöst werden – und die Zeit dafür wird immer knapper.“
     
    Der Vorfall passt in das Klischee einer Berliner Verwaltung, bei der lange Wartezeiten die Regel, nicht die Ausnahme sind. „Wenn sie ein Auto anmelden wollen oder einen neuen Personalausweis brauchen, läuft die Terminvergabe zwar elektronisch. Aber die nächsten sechs bis acht Wochen ist erst mal kein Termin buchbar“, sagt Hebeker. „Und das in einer Verwaltung, die im Vergleich zu anderen Städten personell gut besetzt ist!“
     
    Im Hinblick auf das drohende Berichterstattungsdebakel bei der Bundestagswahl entschloss sich der Bundestagssprecher, an die Öffentlichkeit zu gehen. Der „Tagesspiegel“ berichtete. „Doch bisher hat das Amt keinen Vollzug gemeldet“, sagt Hebeker rund eine Woche vor der Wahl. Es gehe dabei um die Genehmigungen für mindestens dreizehn internationale und deutsche Fernsehsender und Produktionsfirmen, schrieb der „Tagesspiegel". Eine Anfrage von FAZ.NET zum Stand der Genehmigungen ließ das Bezirksamt bislang unbeantwortet.
     
    Hebeker hofft aber weiter auf eine Lösung – obwohl er vermutet, dass die Bundestagswahl die Berliner eigentlich nicht wirklich interessiert. „Diese Stadt wirkt oft so, als genüge sie sich selbst. Vielleicht will Berlin gar nicht so richtig Hauptstadt sein.“ (Anna-Lena Ripperger)
  • 9/16/2017 1:53:53 PM   #Wahlsplitter
     Warum die Brexit-Freunde auf die FDP hoffen
     
    Die Briten neigen dazu, die Bedeutung des Brexits in der deutschen Politik zu überschätzen. (Foto: dpa)
     
    Die Briten blicken mit einer Mischung aus Bewunderung und Irritation auf Deutschland – und die Bundeskanzlerin. Sie bewundern die wirtschaftliche und politische Stabilität, die über die internationalen und finanziellen Krisen der vergangenen Jahre hinweg bewahrt werden konnte, und wundern sich zugleich, dass Merkel ihre – im Königreich vielfach mit Kopfschütteln verfolgte – Politik der offenen Grenzen bei den Wahlen offenbar nicht zum Verhängnis wird. Das bedeutet aber nicht, dass der deutsche Wahlkampf im Königreich eine große Rolle spielen würde.
     
    Im Blick auf die nächste Bundesregierung interessiert die Briten vor allem eines: Wie wird sie die Brexit-Verhandlungen in Brüssel beeinflussen? In London hält sich die Annahme, dass die Position der EU-Delegation aus Berlin gesteuert wird, und Angela Merkel wegen des Wahlkampfs nicht zugunsten der Briten eingreifen kann. Martin Schulz gilt im Königreich als EU-Hardliner, von dem für den Brexit-Prozess nichts Gutes zu erwarten wäre, aber mit der Möglichkeit eines sozialdemokratischen Kanzlers rechnet auch in Britannien so gut wie niemand.
     
    Schulz könnte aber Außenminister werden und als solcher Einfluss auf die Verhandlungen nehmen. Vor allem unter den britischen Brexit-Freunden erhofft man sich daher eine Koalition mit den Liberalen. FDP-Chef Christian Lindner ist auf der Insel mit pro-britischen Äußerungen zitiert worden, die sich von der Rigidität manch anderer Europäer abhoben: „Europa und Deutschland wird es nicht besser gehen, wenn die Briten geschwächt sind, im Gegenteil“, sagte er und forderte, „alle Optionen auf dem Tisch“ zu belassen.
     
    Ein schwarz-gelbes Bündnis ist allerdings aus rechnerischen Gründen weniger wahrscheinlich als eine Jamaika-Koalition, und diese wiederum wird unter britischen Beobachtern kritisch gesehen. Das liegt vor allem an der grünen Partei, die – wie ihre britische Schwesterpartei – als extrem europhil wahrgenommen wird. Insgesamt neigen die Briten dazu, die Bedeutung zu überschätzen, die der Brexit in der deutschen Politik spielt. (Jochen Buchsteiner)
  • 9/15/2017 6:34:00 AM   Timo Steppat
    Für wie viel würden Sie Ihre Wahlstimme verkaufen?
     
    Briefwähler geben in Stuttgart schon ihre Stimme ab. (Foto: dpa)
     
    Seine Absichten waren eigentlich gut. Eigentlich. Der FDP-Kandidat Jörg Schnurre wollte auf „innovative Weise“ junge Menschen ansprechen und sie zum Wählen motivieren. Mit Freunden kam er auf die Idee, jedem Erstwähler zwei Euro zu zahlen, der für ihn stimmt. Einen weiteren Euro sollten all jene bekommen, die sich mit seinem Flyer, dem sogenannten „Zukunftsticket“, fotografieren und das Bild in einem sozialen Netzwerk veröffentlichen. Schnurre wollte Aufmerksamkeit.

    Die ganzen Konsequenzen seiner Aktion, dass der An- und Verkauf von Wählerstimmen in Deutschland eine Straftat ist und dass er bundesweit kritisiert werden würde, all das hat Jörg Schnurre wohl nicht vorhergesehen. Jetzt hat der Kreiswahlleiter in Dessau-Roßlau ihn auch noch wegen Wahlbestechung angezeigt – und ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

    Dabei hat der Liberale offenbar eine ganz treffende Marktanalyse vorgenommen: Eine Umfrage unter 345 Personen kommt zu dem Ergebnis, dass zumindest jüngere Wähler den Verkauf ihrer Stimme in Betracht ziehen. Böte man ihnen 250, 500 oder 1000 Euro, würden laut der Erhebung im Auftrag des Finanzportals „Vexcash“ ein Drittel der 18 bis 30 Jahre alten Wähler ihre Stimme veräußern. Insgesamt würden jedoch 66 Prozent der Deutschen ihr Wahlrecht angeblich für keinen Betrag abtreten. Noch höher ist der Anteil insgesamt unter Frauen, drei Viertel würden ein solches Angebot nach eigener Auskunft nicht annehmen.

    Auch wenn eine Stichprobe von nur 345 Teilnehmern zu klein ist, um eine Aussage über die Deutschen zu machen, wirkt es erst einmal beruhigend, wie integer die Deutschen vorgeben zu sein. Wie aber wohl ein Experiment ausgehen würde, bei dem für jede Stimme vor dem Wahllokal 1000 Euro geboten würde? (Timo Steppat)
  • 9/14/2017 8:28:12 AM   #Wahlsplitter
    Schneidig, dynamisch – und noch kein Abi
     
     
    Alte Videos aus der Schulzeit können lustig sein, manchmal sind sie aber auch ein bisschen peinlich. Wegen der Frisuren und der Kleidung, die man damals getragen hat, und vielleicht auch wegen der altklugen Sprüche, über die man heute, mit der Reife der Jahre, oft nur noch lachen kann. 
     
    Bei Christian Lindner hingegen ist es anders; wie man jetzt weiß, hat er sich schon als Schüler kurz vor dem Abitur kaum anders verhalten als heute als Spitzenkandidat der FDP. Die Fernsehsendung „Stern TV“ hat ein altes Video aus dem Jahr 1997 ausgekramt, das den damals 18 Jahre alten Lindner als aufstrebenden Jungunternehmer an seiner Schule zeigt und schnell viral ging. Ursprünglich lief der Beitrag im Jugendmagazin „100 Grad“ bei „Deutsche Welle TV“, und damals wusste man natürlich nichts von der visionären Kraft des Films. Auch wenn man eigentlich schon hätte wissen können, dass dieser jung-dynamische Christian Lindner es tatsächlich ernst meint auf seinem unaufhaltsamen Weg zum Erfolg. 
     
    In dem Video, das Lindner an seinem Gymnasium im nordrhein-westfälischen Wermelskirchen zeigt, trägt er immer Anzug und meistens ziemlich gewagte geblümte Krawatten und sagt Sätze wie: „Wenn man im Gespräch überzeugt, durch Leistung und gerade auch durch Kompetenz, die nicht akademisch domestiziert ist, dann sagt der Kunde: Wir haben den richtigen Fang gemacht.“ Oder: „Probleme sind nur dornige Chancen.“ Gemeinsam mit einem Mitschüler und ebenso jungen Geschäftspartner fährt er in einer geliehenen Luxuslimousine herum, in deren Fond er Reden und Marketing-Konzepte für kleine Unternehmen entwickelt. „Gelernt haben sie das nicht, dafür können sie das Wichtigste: selbstbewusst auftreten und den Alten sagen, wo's lang geht“, sagt die Off-Stimme belustigt.
     
    Für den Fernsehdreh mieten Lindner und sein Partner ein Klassenzimmer in einer anderen Schule, weil sie in ihrer eigenen keine Drehgenehmigung erhalten haben, und buchen ihre Klassenkameraden gleich als Statisten dazu. „Wenn Schüler sehr aktiv sind, wenn sie leistungsbereit und motiviert sind und auch mal mit einer Krawatte in die Schule gehen müssen, dann hat das Auswirkungen auf das pädagogische Klima“, sagt der Jungunternehmer dazu. „Wenn man in der Schule seine Zeit absitzt und weiß, dass man telefonieren, den Kunden besuchen und Arbeit erledigen müsste, dann kommt man sich so vor, als sei die Zeit durch den Schredder gelaufen.“ Noch so ein Satz des jungen Christian Lindner, der offenbar schon als Achtzehnjähriger am liebsten mit Umsätzen, Budgetplänen und den Voraussetzungen für die anstehende GmbH-Gründung hantiert. Dann steigt er wieder in seine Limousine. Der nächste Kunde wartet. (Oliver Georgi) 
  • 9/13/2017 4:12:12 PM   #Wahlsplitter
    Die SPD und die Zahlen
     
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    Das aktuelle Wahlplakat der SPD zum Gender Pay Gap (Bild: SPD)
     
    Mit Statistiken ist das so eine Sache. „Zahlen lügen nicht“, heißt es ja allenthalben. Und doch lässt sich mit eben diesen Zahlen trefflich Stimmung machen – wenn sie falsch interpretiert werden.
     
    So wirbt die SPD im Bundestagswahlkampf noch immer mit einem Slogan, der bereits in vielen Medien als irreführend entlarvt wurde: „Wer als Frau 100% leistet, darf nicht 21% weniger verdienen“, plakatiert sie zum Beispiel in Frankfurt. Der Leser muss den Eindruck bekommen, dass – unter sonst gleichen Bedingungen – Frauen wegen ihres Geschlechts ein Fünftel weniger verdienen als Männer. Eine krasse Ungerechtigkeit! Doch das stimmt nicht.
     
    Tatsächlich handelt es sich bei der Zahl nämlich um den „unbereinigten Gender Pay Gap“, den das statistische Bundesamt errechnet hat. In ihrem Bericht von 2014 erklärt die Behörde aber auch, wie die Zahl zustande kommt. Drei Viertel dieses Effekts lassen sich demnach einfach erklären: Frauen verdienen vor allem deshalb weniger, weil sie in anderen Branchen arbeiten als Männer und über weniger Berufserfahrung verfügen. Auch Jobanforderungen wie Qualifikation und Führungsverantwortung werden ignoriert. Ebenso arbeiten mehr Frauen als Männer in Teilzeit, also eben nicht „100%“, wie das SPD-Plakat suggeriert. Dass man aber in Teilzeit weniger verdient als in Vollzeit, ist eine Binse, und sie gilt ebenso für Männer.
     
    Man kann all diese Effekte herausrechnen und erhält dann den „bereinigten“ Gender Pay Gap. Er gibt viel präziser Aufschluss darüber, wie groß jener Gendereffekt ist, der nicht durch die genannten Umstände erklärt werden kann. Dieser bereinigte Wert liegt bei knapp sieben Prozent. Das bedeutet: Bei vergleichbarer Qualifikation und Tätigkeit verdienen Frauen pro Stunde durchschnittlich fast sieben Prozent weniger als Männer. Das ist durchaus noch viel, aber eben deutlich weniger.
     
    Die SPD hätte ihren Wahlkampf auf diese Zahl stützen oder es einfach wie die Grünen machen können. Die verzichten nämlich auf den Zahlenzauber und formulieren ihre Botschaft so:
     
    Wahlplakat der Grünen (Bild: Die Grünen)
     
    Und das stimmt!
     
    Zahlen lügen nicht. Aber über Wahlkampfplakate lässt sich das leider nicht sagen. (Stefan Tomik)
  • 9/12/2017 3:16:55 PM   Anna-Lena Ripperger
    Grenzüberschreitung ist Programm
     
     
    Grenzüberschreitungen gehören zum kleinen Einmaleins von Satireparteien. Das hat die PARTEI im Wahlkampf schon oft gezeigt, mit albernen Wahlversprechen, wie der Kopplung von Manager-Gehältern an die BH-Größe, oder der feindlichen Übernahme von mehreren Dutzend AfD-Facebookgruppen. Jetzt hat die 2004 gegründete Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (PARTEI), genauer der Kreisverband Dresden, wieder einen Skandal produziert – mit einer CDU-Persiflage.
     
    „Für einen Strand, an dem wir gut und gerne liegen“, steht in Abwandlung des CDU-Wahlspruchs „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“ auf einem Plakat der PARTEI, mit den passenden schwarz-rot-goldenen Elementen im Farbschema der CDU-Wahlkampagne.
     
    Was klingt, wie die satirische Forderung nach 90 Tagen bezahltem Adria-Urlaub, wird erst durch das von der PARTEI gewählte Foto skandalträchtig: Denn das ging 2015 um die Welt, als Sinnbild der Flüchtlingstragödie im Mittelmeer. Es zeigt den kleinen syrischen Jungen Aylan Kurdi, der tot an einem türkischen Strand liegt.
     
    Darf Satire so weh tun? Nein, befand Facebook offenbar und löschte den ersten Post auf der Seite des PARTEI-Kreisverbandes – so zumindest erklärt die Satirepartei das Verschwinden ihres ersten Eintrags. Die Diskussion über das Plakat geht in den sozialen Netzwerken aber weiter. Einige Nutzer finden das Plakat „großartig“, andere „ekelhaft“.
     
    Und auch die Satirepartei will noch etwas zu ihrem jüngsten Coup loswerden. In einer Presseerklärung schreibt sie am Dienstag, sie habe sich beim Erstellen des Plakats an der „Feelgood-Kampagne der CDU“ orientiert und außerdem das Strandbild mit den besten Klickzahlen gesucht. „Das Ergebnis hat uns auch überrascht, aber wie Grüne, AfD und Co. zeigen: Kinder machen sich immer gut“, heißt es in der Erklärung weiter.
     
    „Das deckt nicht mehr den Begriff Persiflage“, sagt Kommunikationsdesigner Achim Schaffrinna, der auf seinem Blog auch Wahlplakate analysiert. „Die Verwendung dieser Ikone der Fotojournalismus für ein Wahlplakat verletzt die Würde des Jungen, seiner Angehörigen und all derer, für die der Junge stellvertretend steht.“
     
    Er könne in dem Plakat nichts Humoriges, Augenzwinkerndes entdecken, sagt Schaffrinna. Außerdem sei ihm das Ziel dahinter nicht klar. „Es kann wohl kaum der Junge sein, der verspottet werden soll – höchstens die tragische Situation als solche beziehungsweise die Flüchtlingspolitik der CDU.“ Doch dafür gebe es bessere Instrumente. Auch für eine Partei, die gewohnheitsmäßig Grenzen überschreitet. (Anna-Lena Ripperger)
  • 9/11/2017 2:16:52 PM   Anna-Lena Ripperger
    Wahlwerbung mit Westcoast-Beat
     
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    Gemeinsam Musikmachen für mehr Wahlbeteiligung: Winfried Huyer-May mit seiner Enkelin Leonie (Foto: privat)
     
    Manche Familien machen gemeinsam Kanu-Touren, andere versammeln sich zum Spieleabend um den Küchentisch. Familie Huyer-May macht Musik für die Demokratie. „Angefangen hat alles, als unsere älteste Tochter das erste Mal wählen durfte“, sagt Winfried Huyer-May. Das war 1994. „Evelyn war gar nicht richtig klar, warum sie wählen gehen sollte. Die Schule ist da nicht so darauf eingegangen.“ Also machte sich Huyer-May an die Arbeit.
     
    Der pensionierte Jurist hatte damals schon Erfahrung mit dem Dichten und Komponieren. In einer Familie von Kirchenmusikern aufgewachsen, gründete Huyer-May mit 20 Jahren einen Spirituell-Chor und schrieb die Arrangements. Als nach Studium und Berufseinstieg die ersten Kinder kamen, ließ er seine Musikleidenschaft wieder aufleben. Er komponierte Lieder über das Einmaleins, über Tiere oder die lateinische Grammatik. „Je nach Lebensstatus der Kinder habe ich die Lieder gemacht“, sagt der mittlerweile 76 Jahre alte Huyer-May.
     
    Mit der Volljährigkeit seiner Töchter verschob sich der Fokus. Huyer-May wollte sie und ihre Altersgenossen für Politik begeistern. So entstand das erste Wahllied – und der „Arbeitskreis Wahlbeteiligung“, gegründet vom Vater und den beiden Töchtern. Mit den Jahren kamen immer mehr. „Demokratielieder“ dazu, eingespielt im heimischen Tonstudio, im Keller des Huyer-Mayschen Wohnhauses in München. „Wir wollten mit unseren Möglichkeiten dazu beitragen, dass die viel zitierte ‚lebendige Demokratie‘ nicht nur eine Floskel bleibt“, sagt Huyer-May.
     
    Irgendwann fanden die Lieder mit Titeln wie „Wer wählt, der zählt“ oder „18 Jahre“ dann den Weg vom Wohnzimmer ins Internet. Auf www.wahllieder.de hat Familie Huyer-May eine Auswahl zusammengestellt, die ständig erweitert wird. Neben dem Familienklassiker „Ein unbeschreiblich kleines Lied“, auch Songs mit Westcoast-Beat, wie „Remember, den 24. September“. Dass mittlerweile auch die Enkelkinder mitmachen, hört man dem Sound der Wahllieder an – und auch Titeln wie „Opi, warst du bei der Wahl?“.
     
    Die Resonanz sei nicht riesig, berichtet Huyer-May. „Aber zwischen hundert und dreihundert Leute kommen pro Tag schon auf die Seite.“ Auch Politiker sind schon auf das ungewöhnliche Familienprojekt aufmerksam geworden. „Die erste, die sich gemeldet hat, war Rita Süssmuth. Ihr langer Brief war für die Kinder damals eine tolle Motivation“, sagt der pensionierte Jurist. Aber auch Helmut Kohl, Kurt Beck und Angela Merkel.
     
    Ans Aufhören denkt Huyer-May nicht – jetzt machen schließlich auch Enkel, Neffen und Freunde mit. „Viele können unser Hobby bestimmt nicht verstehen und denken sich: Hättet ihr mal lieber zusammen Tennis gespielt. Aber für mich ist es ein Wert an sich, mit der Familie Musik zu machen. Und junge Leute für Politik, für Europa zu begeistern, ist auch ein Wert an sich.“ (Anna-Lena Ripperger)
  • 9/10/2017 8:10:12 AM   #Wahlsplitter
    Grüne bekämpfen grüne Kandidatin
     
    Auch manchem Grünen suspekt: Canan Bayram (Foto: Reuters)
     
    Wahlkämpfe können seltsame Blüten treiben. In Berlin kann man das momentan beobachten: Da setzen sich Teile der Grünen dafür ein, dass die Direktkandidatin der Partei, Canan Bayram, den Einzug in den Bundestag nicht schafft. Bayram tritt in Kreuzberg, im Wahlkreis 83, an und sie hat eine schwierige Mission – sie soll das einzige Direktmandat der Grünen verteidigen. Seit 2002 war das Hans-Christian Ströbele, 78, gelungen, aber er will nicht mehr antreten. Ströbele findet Bayram gut. Sie sei sehr im Kiez verankert und glaubwürdig, sagte er dem Sender RBB. Aus Ströbeles Sicht eine echte linke Grüne. Das ist es, was die Realos in der Partei vielleicht stört.
     
    Die Tageszeitung „taz“ berichtet über Äußerungen des ehemaligen Berliner Fraktionsvorsitzenden der Grünen Volker Ratzmann, der Bayam als „echt nicht wählbar“ bezeichnete. Es ist eine Art Boykott-Aufruf. Bayram war es, die mit anderen Ratzmanns Wiederwahl als Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus verhinderte. Inzwischen ist Ratzmann Statthalter der baden-württembergischen Landesregierung in Berlin im Range eines Staatssekretärs – er vertritt also den Realo Winfried Kretschmann.
     
    Einige andere in der Partei ärgerten sich schon halblaut über Bayrams Auftreten; auf einem ihrer Plakate stand „ Die Häuser denen, die drin wohnen“, ein alter Hausbesetzer-Spruch. In Kreuzberg könnte das noch immer ankommen, bei der grünen Parteiführung nicht. Sie betonte, dass es sich nicht um einen Teil der bundesweiten Kampagne handelt.
     
    Die Angst der Realos vor Bayram könnte aber noch einen ganz anderen Grund haben. Momentan stehen die Grünen bundesweit bei acht Prozent, in Berlin bei zehn Prozent – deutlich weniger als bei der Wahl vor vier Jahren. Renate Künast, wie Ratzmann dem Realo-Flügel zugehörig, könnte bei einem Ergebnis wie aktuell erhoben auf Listenplatz drei noch knapp ins Parlament einziehen. Das gilt aber nicht, wenn Bayram ein Direktmandat gewinnt. Erst- und Zweistimme werden im deutschen Wahlrecht ins Verhältnis gesetzt – Bayram hätte den Vorzug, und Künast, die im Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg antritt, wäre draußen. (Timo Steppat)
  • 9/9/2017 10:19:02 AM   Anna-Lena Ripperger
    Wählen, aber bequem
     
    Briefwähler sind begehrt – und der CDU eine eigene Kampagne wert. (Bild: CDU/Adrian Kubica c/o Banrap)
     
     
    Noch nie war Wählen so gemütlich wie 2017. Kaffeetasse abstellen, Sofakissen zurechtschieben und los geht’s. Möglich wird das durch den Inhalt eines schmutzig weißen Umschlags, die Briefwahlunterlagen. Die liegen im Trend. Seit die Briefwahl 1957 eingeführt wurde, hat sich die Zahl der Briefwähler nahezu verfünffacht. Ihr Anteil stieg von 4,9 auf 24,3 Prozent bei der Bundestagswahl 2013. Für dieses Jahr rechnen Wahlforscher mit einer weiteren Zunahme. Das haben auch die Parteistrategen mitbekommen: SPD, FDP, Grüne, Linke, AfD – alle werben sie um Briefwähler. Die CDU hat sich sogar eine Kampagne für sie ausgedacht. Mit dem Slogan: „Falls am Wahltag etwas dazwischenkommt.“
     
    Ursprünglich durften den Wählern nur wirklich wichtige Dinge dazwischenkommen: Arbeit, Krankheit, Gebrechlichkeit. Ab der Bundestagswahl 2009 musste aber niemand mehr einen Grund angeben, um Briefwahlunterlagen zu bekommen. Mit dieser Erleichterung wollte der Bundestag die Wahlbeteiligung erhöhen. Das Kreuzchenmachen am Küchentisch sollte all denen entgegenkommen, denen Wählen zwar wichtig ist – aber nicht so sehr, dass sie ihre Freizeit nach dem Gang ins Wahllokal ausrichten möchten.
     
    Dass so der öffentliche, gesamtgesellschaftliche Akt des Wählens immer mehr privatisiert wird, stört die Parteien offenbar nicht. Briefwahlstimmen sind für sie sichere Stimmen. Denn auf die letzten Wendungen des Wahlkampfs können Briefwähler nicht mehr reagieren. Und verpassen werden sie die Stimmabgabe auch nicht, selbst wenn ihre Enkel sie am 24. September an einen Baum fesseln sollten, wie in der heilen Briefwähler-Plakatwelt der CDU.
     
    Für die Briefwahl werben aber nicht nur die Parteien. Wie schon bei der Bundestagswahl 2013 hat die Deutsche Post wieder entsprechende Anzeigen geschaltet – uneigennützig, zur Stärkung der Demokratie, versteht sich. Briefwahl heiße ja nicht immer, „dass der Wähler seinen Wahlbrief auch in den Briefkasten wirft“, erklärt das börsennotierte Unternehmen auf Anfrage von FAZ.NET. Die Briefwahlunterlagen könne man ja auch selbst in die Urne werfen – wenn nichts dazwischenkommt. (Anna-Lena Ripperger)
     
  • 9/8/2017 1:24:12 PM   #Wahlsplitter
    Jodel dir deine Wahl
    Über Jodel chatten vor allem Studenten miteinander. Die App funktioniert ähnlich wie Twitter, ist aber anonymisiert. Und örtlich begrenzt: Nur wer in der Nähe ist, kann Nachrichten senden und empfangen. Jetzt wollen die App-Macher auch im Wahlkampf mitmischen. Unter dem Hashtag #JodelWahl können sich die Nutzer ab dem 11. September mit Bundestagskandidaten austauschen. Und zwar „lokal, authentisch und direkt“.
     
    Vor dem offiziellen Start der Ask-me-anythings zeigten FDP-Chef Christian Lindner und CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer schon mal, wie die #JodelWahl laufen kann. Dabei hatte Lindner zunächst Anlaufschwierigkeiten: Er kam rund zehn Minuten zu spät zu seiner Fragestunde. Die Nutzer machten sich große Sorgen und mutmaßten schon, er könne sich statt bei Jodel auf der Dating-App Tinder angemeldet haben.
     
    Doch dann war Lindner endlich online und die Nutzer überschütteten ihn mit Fragen. Der FDP-Chef schlug sich ziemlich wacker und beantwortete mehrere Dutzend Fragen zu seinem Programm. Die wirklich wichtigen Themen ließ er aber aus. Zum Beispiel: „Herr Lindner, Herr Lindner, wie tief ist das Wasser?“
     
    Auch Scheuer wollte es sich nicht nehmen lassen, sich auf Jodel zu präsentieren. Er bewies dabei durchaus Humor. Auf eine Nutzerfrage, mit wem er denn nach der Wahl am liebsten koalieren würde, antwortete Scheuer mit #Thermilindner. Unter diesem Hashtag werden in sozialen Netzwerken seit Wochen witzige Fotomontagen von Lindners Wahlplakaten gepostet, die den FDP-Chef als Vertreter für die Küchenmaschine Thermomix zeigen.
     
    Ob auch Cem Özdemir (Grüne) und Sarah Wagenknecht (Linkspartei) den Fragen der Jodel-Community gewachsen sind, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Die genauen Termine der Online-Fragestunden finden sich hier. (Markus Kollberg)
  • 9/8/2017 11:12:12 AM   #Wahlsplitter
    Schulz, der Jeck
     
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    In Köln-Kalk: Martin Schulz (Foto: Timo Steppat)
     
     
    Früher war das Rheinland mal Machtzentrum der Bundesrepublik. Im Bonner Stadtteil Bad Godesberg reihte sich Botschafter-Villa an Botschafter-Villa. Es gab Feste, Empfänge, viele Politiker, Referenten, Abteilungsleiter – und all jene, die etwas von den Wichtigen wollten. Von all dem ist nicht viel geblieben. Lediglich die Sitze mancher Ministerien, ein Uno-Campus, die Zentrale der Deutschen Post und die der Telekom – ein bisschen Kompensation musste ja sein.
     
    Ulrich Kelber, SPD-Bundestagsabgeordneter der Bundesstadt Bonn, überlegte mit Parteifreunden, was man im Bundestagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen Besonderes planen könnte. Kelber, der den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz schon lange kennt und schätzt, dachte an eine Kampagne aus dem Jahr 1998: „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein“, das stand auf ganzseitigen Anzeigen, mit denen der Unternehmer Carsten Maschmeyer seinem Freund Gerhard Schröder auf dem Weg ins Kanzleramt helfen wollte.
     
    Kelber überlegte. „Berlin braucht mehr Rheinland“, so was müsste über einer Schulz-Kampagne stehen, sagte er der kleinen Runde. Alle fanden die Idee gut, eine Agentur erstellte einen Entwurf. Und Kelber unterbreitete ihn allen Kandidaten aus dem Rheinland. Das ist eine große Gruppe, denn nach Kelbers Verständnis ist das Rheinland überall dort, wo auch der Rhein fließt. Von Mainz über Koblenz bis hoch nach Kleve, an den Niederrhein. Die SPD-Kandidaten zogen alle mit. Am Kölner Dom trafen sie sich, auch Arbeitsministerin Andrea Nahles aus der Gegend um Bad Neuenahr und Andernach zählte dazu, und präsentierten das Plakat. Eine Allianz der Rheinländer für Martin Schulz.
     
    Der Rheinländer habe ja besondere Eigenschaften, sagt Kelber: Er rede Klartext, sei pragmatisch, treffe rasch Entscheidungen und könne gut mit Menschen. Das alles bringe Schulz mit. Der stammt aus Würselen bei Aachen, wo auch der Rhein entlangfließt. Es sei „Wahlkampf mit Lokalkolorit“, sagt Kelber. Martin, einer von uns. Wenn man schon nicht mehr Kanzleramt und Bundestag im Rheinland hat, dann zumindest einen Rheinländer dort. (Timo Steppat)
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